Archiv für Juni 2013

Kein Ort ohne Jugendkulturzentrum!

Bad Segeberg – Möbelkraft, Karl May Festspiele, Gesundheitszentren und jede Menge Parkplätze für diese. Nach Ladenschluss werden die Bürgersteige hochgeklappt und jeder Hauch von Lebendigkeit hinter Sicherheitsglas eingesperrt. Dies ist das, anscheinend gewünschte, Stadtbild vieler Segeberger BürgerInnen. Doch eine teils unerforschte Randgruppe Bad Segebergs, beschrieben mit den Worten „ Jugendliche“ oder „junge Heranwachsende“ ist mit dieser Situation mehr als unzufrieden! Tatsächlich gab es mal eine Zeit in der sie gerne in dieser verschlafenen Kleinstadt gewohnt haben, eine Zeit, die bunt und lebhaft war. In dieser Zeit hatten sie einen Ort um sich selbst zu verwirklichen, Träumen nach zu spinnen, sich Lebenswünsche zu erfüllen und das Ganze selbst zu verwalten. Im ehemaligen Hotel am Kalkberg sind Ideen flügge geworden, viele haben hier ihre Berufswahl getroffen, sei es Zimmermann oder etwas im Sozialwesen. Musiker haben hier ihre ersten Auftritte gespielt, hin und wieder haben sich neue Bands gegründet. Es sind Freundschaften entstanden, die schon über ein Jahrzehnt halten.

Das einzige, was den Jugendlichen heute noch bleibt ist ihre Erinnerung an diese schönen Tage. Denn genau vor einem Monat, in den frühen Morgenstunden des 01.11.2012 wurde ihrem Haus der Garaus gemacht. Innerhalb eines einzigen Tages wurde das ehemalige Hotel am Fuße des Kalkberges abgerissen. Mit jedem Stein brach ein Herz, mit jeder Schippe Schutt zerplatzten tausende Träume wie Seifenblasen. Was zurückbleibt ist eine ebene Fläche( für noch mehr Parkplätze) und eine trauernde, wutentbrannte und frustrierte Gruppe junger Heranwachsender. Warum wollte man sie in dieser Stadt nicht haben? Die Erklärung ist einfach und ein weit verbreitetes Mittel einen Schandfleck zu vertreiben: „Die sind immer zu laut!“, hallt es über Städte und Dörfer in ganz Deutschland. Immer wieder sind es Kindergärten, Spielplätze, Jugendzentren, Skaterbahnen, Hundewiesen und sogar der in Segeberg beliebte, langjährige Wintergast Istvan mit seinem Akkordeon ist einfach zu laut. Alle wurden sie vertrieben, in der Regel bekam niemand Ersatz, obwohl dieser oft genug versprochen wurden und Istvan bekam eine Holzbank vor der Volksbank. Ein andauerndes Trauerspiel, das nur selten durchbrochen wird, weil die Gegenseite meist am längeren Hebel steht, ob nun rechtens ist oder nicht.

Unsere Randgruppe aus Segeberg möchte aber nicht in ihrem Käfig bleiben. Am 01.12.2012, einen Monat nach dem Abriss sind wir auf die Straße gegangen und haben Zähne gezeigt. Es wurde im großen Stil zur „Demonstration für ein neues selbstverwaltetes Jugendzentrum“ aufgerufen, befreundete Zentren aus dem Umland haben uns dabei unterstützt, haben gezeigt, dass wir nicht alleine sind und zwar auf bunte und friedliche Art. Da konnten uns auch die drei Hundertschaften Bundespolizei und die drei Wasserwerfer nicht von abhalten.

Also, denk immer dran;

STAY RUDE, STAY HAK, STAY REBEL!!!

Schluss mit dem türkischen Staatsterrorismus – Solidarität mit den Protestierenden in der Türkei

Freiheit für alle politischen Gefangenen

Seit knapp 3 Wochen gingen unzählige Menschen auf die Straßen der Türkei, um gegen Unterdrückung und Repressionen zu kämpfen, wobei u.a. Forderungen nach Demokratie und den Rücktritt Tayyip Erdogans gestellt wurden. Es ist klar, dass seit den Widerständen, die im Gezi Park in Taksim begonnen haben, nichts mehr so sein wird wie es vorher war.

Durch die massiven Polizeiangriffe kippte Erdogan Öl ins Feuer der Widerstände, jedoch hat er es nicht geschafft die Menschen von den Straßen fernzuhalten. Während der Straßenkämpfe kam es zu vielen Schwerverletzten, dutzende Menschen haben Augen verloren, schwere Verbrennungen erlitten und bis heute kam es zu drei Todesopfern unter den Demonstranten.

Der Polizeiterror kann uns nicht aufhalten!

Heute morgen wurden Dutzende revolutionäre Sozialisten in Gewahrsam genommen, nachdem in 21 Bezirken Durchsuchungen in den Räumlichkeiten und Büros der sozialistischen Wochenzeitung ATILIM, der Nachrichtenagentur Etkin Haber Ajansi, des Radios Özgür Radyo, den Büros der Sozialistischen Partei der Unterdrückten ESP und vielen einzelnen Wohnungen stattfanden. Mit dem Vorwurf „an provokativen Aktionen teilgenommen zu haben und die Massen zur Gewalt verleitet zu haben“ stürmten Anti-Terror Einheiten um die 94 Räumlichkeiten. Unter den in Gewahrsam genommenen befindet sich auch ESP-Mitglied Ümit Akdag, der sich mit schweren Verbrennungen aufgrund eines gezielten Gasbombenwurfes im Gesicht noch immer in Behandlung befindet.

Bereits vergangene Woche begannen Repressionen des Staates in Form von Verhaftungen gegen Organisationen, wie gegen der SDP (Sozialistische Demokratische Partei) und der drohenden Schließung des demokratischen Fernsehsenders Hayat TV, der zu den einzigen unabhängigen Fernsehberichterstattern zählt.

Unsere Antwort WIDERSTAND!

Dass Erdogan auf die Widerstände und Straßenkämpfe mit noch mehr Repressionen und Operationen reagieren wird, ist kein Wunder. Seit Beginn der Proteste in der Türkei versuchte der türkische Staat mit Medienhetze und Manipulationen die Proteste zu delegitimieren, zu verfälschen und einen Keil zwischen die Widerstandleistenden zu treiben. Von Anfang an wurden Drohungen gegen die Demonstranten verbreitet und es wurde behauptet, dass „Marginale“ und „Terroristen“ hinter den Straßenkämpfen stecken würden. Mit vielen wirren Behauptungen und Vorwürfen versucht Erdogan die wahren Hintergründe des Taksim Widerstandes zu vertuschen und die Menschen zu beeinflussen. Es wird deutlich, dass sich Erdogan in die Ecke gedrängt sieht, weswegen er vor allem gegen die organisierten, revolutionären Kräfte vorgeht. Durch diese Angriffe und Operationen versucht der türkische Staat die Menschen einzuschüchtern und abzuschrecken.

Der Staatsterrorismus in der Türkei ist kein Geheimnis und heute ist unsere Solidarität hier in Europa, sowie überall auf der Welt von großer Bedeutung.

Wir dürfen nicht schweigen gegen die
Repressionen und Angriffe des türkischen Staates!

Wir sagen hier ist Taksim – Überall ist Taksim!

FREIHEIT FÜR DIE IN GEWAHRSAM
GENOMMENEN DES TAKSIM WIDERSTANDES!

FASIZME KARSI OMUZ OMUZA!

Bad Segeberg: Polizei-Einheiten aus Eutin spielen HaK-Räumung nach. SchülerInnen verängstigt.

In der Bad Segeberger Innenstadt
Große Aufregung um Polizei-Übung

Von Michael Stamp

„Polizei! Waffe runter! Auf den Boden! Auf den Boden!!!“ Hektisches Gebrüll hallte durch die Innenstadt, flankiert vom Splittern berstenden Glases und dumpfen Knallgeräuschen. Die verstörende Szenerie mitten in Bad Segeberg rief etliche besorgte Passanten und verängstigte Eltern auf den Plan. Doch es war lediglich eine Übung in der Alten Feuerwache.

Bad Segeberg. Die 1. Einsatzhundertschaft der Bereitschaftspolizei aus Eutin übte an dem ausgedienten Feuerwachen-Gebäude mehrere Einsätze. Zunächst diente das Haus, das in den kommenden Tagen abgerissen wird, als angebliche Baustelle. Die Polizei hatte die fiktive Meldung erhalten, dass dort ein Bauarbeiter durchgedreht ist und auf seine Kollegen einsticht. Diese Rolle übernahm ein Polizeikollege. Später mimten drei Beamte ein paar Hausbesetzer, die aus dem früheren Jugendtreff herausgeholt werden müssen.

Die Einsatzwagen der Hundertschaft standen auf dem Möbel-Kraft-Parkplatz und wurden – je nach Szenario – an den Seminarweg gefahren. Dort sorgten die Männer für jede Menge Aufsehen.

Über eine Leiter kletterten sie auf das Dach (weil die Tür angeblich verbarrikadiert war), schlugen die Fenster ein und stiegen ins Gebäude. Mit einer Ramme wurden Dachziegel zerstoßen. Es krachte auch im Inneren – immer dann, wenn Türen aufgebrochen wurden. Dazwischen waren die dröhnenden Schreie der Polizisten in Richtung der „überwältigten“ Täter zu hören.

Die Polizei nutzt solche Abrissobjekte, um ohne Rücksicht auf Gebäudeschäden üben zu können. Die Alte Feuerwache war von dem Polizeibeamten Bernd Schulz-Christen, der in Bad Segeberg für seine Spenden-Aktionen bekannt ist, vermittelt worden. „Wir haben leider erst gestern erfahren, dass der Abriss unmittelbar bevorsteht“, sagte er. „Wir hatten nicht viel Zeit zum Vorbereiten.“ So eine Übung war auch schon am mittlerweile abgerissenen Hotel am Kalkberg (HaK) geplant, doch die ohnehin aufgeheizte Stimmung wäre durch solch eine Polizeiaktion noch explosiver geworden worden.


Foto: Einsatzkräfte aus Eutin übten am ehemaligen Jugendtreff „Feuerwache“ am Seminarweg das Entschärfen gefährlicher Situationen

Dafür ging es gestern in der Gemeinschaftsschule am Seminarweg hoch her. Rektorin Barbara Koop-Lehmann musste besorgte Eltern beruhigen, die von den maskierten Polizisten an der Schule gehört hatten und sich im Sekretariat meldeten. „Die Polizei hätte mir vorher gern einen kleinen Wink geben können“, sagte die hörbar angefressene Schulleiterin. „Das finde ich nicht richtig von der Polizei. Es war leider so geheim, dass niemand Bescheid gesagt hat.“ Glücklicherweise hätten die meisten Schüler nichts mitgekriegt. Ein paar Schüler begegneten aber den mit Helm und Visier ausgestatteten Beamten und schauten ihnen verstört hinterher.

Reichlich verärgert über die Übung an der Alten Feuerwache war Bauamtsleiterin Antje Langethal. „Das war meine erste Sorge, dass so etwas passiert. Mitten in der Stadt – das war so nicht gedacht.“ Ihr sei versichert worden, dass die Beamten nicht martialisch auftreten und nur versteckt im Inneren des Gebäudes üben, Türen aufzubrechen. „Sonst hätten wir natürlich die Schulen informiert.“ Angekündigt sei zudem das Wohnungsräumkommando gewesen – gekommen sind hingegen zwei Trupps, die für Aufklärung oder Festnahmen und Beweissicherung zuständig sind. „Wir helfen der Polizei gern“, betonte Antje Langethal. „Aber diese Situation war misslich.“ Sie kann Eltern, die beim Anblick von massiven Polizeikräften vor einer Schule in Aufregung geraten, bestens verstehen. Die Polizeibeamten selbst sahen die ganze Sache eher von der lockeren Seite: „Och, das war nur kurz mal ’ne Verspannung…“

Segeberger Zeitung vom 22.05.2013